Walter Ammon (1878 bis 1956)
von Anton Schuler
Walter Ammon, Bürger von Herzogenbuchsee BE, wurde am 11. März 1878 in Lotzwil BE geboren. Die bäuerliche Herkunft erleichterte ihm in seiner späteren Tätigkeit den Zugang zur ländlichen Bevölkerung.Nach dem Abschluss des klassischen Gymnasiums in Burgdorf im Jahre 1897 begann er zunächst mit dem Studium der Chemie an der ETH in Zürich, wechselte dann aber 1899, nach einer schweren Krankheit, an die Abteilung für Forstwirtschaft.
Im Jahre 1902 erwarb er das Diplom als Forstwirt der ETH und 1903 nach Erfüllung der vorgeschriebenen Praxiszeit bei Oberförster Arnold Müller in Biel das eidgenössische
Wählbarkeitsdiplom. Nach einer dreijährigen Tätigkeit als Forsttaxator (Forsteinrichtung) im Amt Burgdorf übernahm Walter Ammon am 1. März 1906 den neugeschaffenen Forstkreis 19 Niedersimmental mit Sitz in Wimmis. Diese Zeit in Wimmis scheint von Misstrauen und Widerstand der Waldbesitzer und der lokalen Bevölkerung gegen jede Vorschrift, Anleitung und Belehrung von außen geprägt zu sein, die, wie es scheint, dem mit einem ausgeprägten Rechtssinn und Rechtsverständnis ausgestatteten Oberförster schwer zu schaffen machten.
Überschattet wurde diese Zeit auch durch den am 20. August 1911 durch einen Blitzschlag ausgelösten Brand der schwer zugänglichen Simmenfluh, der die Organisation der
Brandbekämpfungsmaßnahmen vor große Probleme stellte.
Am 1. Juli 1912 übernahm Ammon als Nachfolger von Rudolf Pulfer, der Forstmeister des Berner Oberlandes und später Professor an der ETH wurde, die Leitung des Forstkreises 5 Thun.
Er fand damit das Tätigkeitsfeld und die Umgebung, die für die Entwicklung seiner fruchtbaren wissenschaftlichen und publizistischen Tätigkeit die günstigen Voraussetzungen
und das gedeihliche Klima ergaben. In die Zeit seiner Oberförstertätigkeit in Thun fallen die meisten der Publikationen über den Plenterwald.
Ergänzt wurde die publizistische Tätigkeit durch unzählige Diskussionen mit Forstleuten aus dem In- und Ausland, durch die Führung von Studenten und andern Besuchern aus aller Welt und durch die Betreuung von Praktikanten, an die beispielsweise der «Holländerweg» hinter
der Honegg erinnert.
Zu diesem Beziehungskreis gehören auch Ammons Einsatz in der «Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft» und die fruchtbare Zusammenarbeit mit K. Dannecker, die hier nur erwähnt werden kann, aber Gegenstand einer größeren Untersuchung zu werden verdiente. Diese Kontakte blieben auch nach der Pensionierung bestehen.
In die Thuner Zeit fällt auch die interimistische Übernahme der Redaktion der Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen in den Jahren 1915/16. Im Jahre 1944 trat Ammon nach einer langen Amtszeit von 32 Jahren als Oberförster in Thun in den Ruhestand. Acht Jahre später zog er trotz seiner engen Bindung an Thun nach Muri bei
Bern, wo er am 11. Januar 1956 starb.
Ammon wird allgemein als strenger, aber gerechter Vorgesetzter geschildert, der zu den meist bäuerlichen Waldbesitzern und zum untern Forstpersonal ein ausgezeichnetes, familiäres Verhältnis pflegte und großes Ansehen genoss: Dies kann wohl am besten dadurch illustriert werden, dass auch seine Töchter gelegentlich mit «Fräulein Oberförster» angesprochen wurden.
Dieses gute Verhältnis und auch die Sorge um seine Förster und Bannwarte mögen seine Frau und ihn bewogen haben, noch kurz vor seinem Tode eine Stiftung zur Unterstützung von notleidenden Unterförstern und Bannwarten und deren Angehörigen zu errichten. Diese Stiftung wurde vor wenigen Jahren mit dem Balsiger-Fonds zum Balsiger-Ammon-Fonds zusammengelegt.
Ammon konzentrierte sich in der forstlichen Diskussion nicht allein auf die Fragen des Plenterwaldes oder des Waldbaus. Auch die Organisation der kantonalen Forstdienste, die vor allem im Kanton Bern viel zu reden gab, forderte wiederholt seine Stellungnahme. Hier brachte er seine liberale Grandhaltung in die Diskussion: «Dem Guten freie Bahn, dem Unguten wehrende Schranken.» Es ist der an Gottfried Keller erinnernde klassisch freisinnige Geist, der uns hier entgegentritt und der den als positiv erkannten Tendenzen freie Entwicklungsmöglichkeit sichern will, den schlechten Entwicklungen dagegen radikal entgegentritt. Diese Haltung Ammons und sein persönlicher Einsatz beschränkten sich nicht auf die forstlichen Tagesfragen, sondern fanden Ausdruck in zahlreichen Aufsätzen und erreichten ihren Höhepunkt zweifellos mit dem 1947 erschienenen Buch «Gesunde Demokratie», das nach der überstandenen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges dem Versuch galt, «das so vielfach verflochtene Spiel der in der Demokratie wirksamen gesunden und ungesunden Kräfte zu klären und damit womöglich einen Beitrag zur Verbesserung unserer schweizerischen politischen Verhältnisse zu leisten».
Was Ammon tat, das tat er zielbewusst und zielstrebig nach dem Motto, das er selbst wiederholt zitierte: «Greif niemals in ein Wespennest! Doch wenn du greifst, so greife fest!». Ammon war ein leidenschaftlicher, gewandter und treffend formulierender Debattierer, der seinen Standpunkt einleuchtend zu vertreten verstand. Nicht in Widerspruch zur konsequenten Verfolgung der Ziele steht seine vermittelnde Art, wenn er erkannte, dass die Auseinandersetzung den sachlichen Boden verließ und in persönliche Fehden auszuufern drohte.
Trotz seiner lebhaften und aktiven Anteilnahme an der lokalen, kantonalen und eidgenössischen Politik hat Ammon (außer seiner Tätigkeit in der Thuner «Progi-
Kommission») nie ein politisches Amt bekleidet. Vielleicht hat ihn das Schicksal seiner Berner Förster-Vorfahren wie Kasthofer und Marchand, «eines von der Politik misshandelten Berner Forstmannes», der «brutal auf die Straße» gestellt worden sei, von einem solchen Schritt abgehalten.
An Kasthofer und seinen Einsatz für die richtige Waldbehandlung und vor allem auch für die Sache der Gerechtigkeit erinnert vieles im Leben Ammons. Es ist daher einleuchtend und gut verständlich, dass die Auszeichnung, die die von ihm und seiner Frau im Jahre 1945 errichtete Stiftung «Pro Silva Helvetica» verleiht, die Kasthofer-Medaille ist.
Zu Ammons überzeugtem Eintreten sowohl für die von ihm verfochtenen forstlichen Ideen - auf waldbaulichem und auf forstpolitischem Gebiet - wie auch für seinen politischen
Standpunkt tritt seine religiöse Grundhaltung, die sich in der Öffentlichkeit vor allem in seiner Tätigkeit im Verein für freies Christentum der evangelischen Landeskirche äußerte. Diese vervollständigt das Bild des konsequent denkenden und freiheitlich gesinnten Liberalen. Die überragende Bedeutung Ammons liegt zweifellos in seinem Einsatz für den naturgemäßen Waldbau und vor allem für den Plenterwald.
Durch seine Publikationen und die vielen Exkursionen, bei denen er Forstleute aus vielen Ländern durch die Plenterwälder seines Forstkreises führte, machte er die Plenterwaldidee weltweit bekannt und trug wesentlich zur Entwicklung und Verbreitung der Grundsätze einer naturgemäßen Waldbehandlung bei. Allerdings haben Ammon und seine klar, teilweise hart formulierten Äußerungen neben Zustimmung auch Widerspruch herausgefordert. Niemand aber konnte die Lauterkeit der Absichten Ammons bezweifeln, dessen «Gerechtigkeitssinn, religiöse Sauberkeit und unerschrockene berufliche Einsatzbereitschaft beispielgebend waren».
Quelle:
Walter Ammon „Das Plenterprinzip in der Waldwirtschaft“, S.167-170
Verlag Paul Haupt, Bern, 4. Auflage 1995
